Fragen und Antworten rund um Ernährung, Immunabwehr und das Coronavirus

Während der aktuellen Pandemie wächst das allgemeine Interesse am Thema Immunität und Gesundheit. Gleichzeitig tauchen überall Fehlinformation zur Ernährung, Immunabwehr und COVID-19 auf. Dabei gibt es bisher keinerlei Beweise dafür, dass Lebensmittel unser Immunsystem so „stärken“, dass wir vor dem Coronavirus geschützt sind. Auf der Suche nach wissenschaftlich fundierten Einschätzungen sprachen wir mit der Ernährungswissenschaftlerin und Epidemiologin Dr. Krasimira Aleksandrova.

Beeinflusst das, was wir essen und trinken, unser Immunsystem?

Es besteht kein Zweifel, dass unsere Ernährung zusammen mit anderen Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit spielt und unser Immunsystem enorm beeinflusst. Über das, was wir essen und trinken, können wir die Funktionen der Immunzellen unterstützen und wirksame Reaktionen gegen Krankheitserreger fördern. Das Immunsystem benötigt Energie und Nährstoffe aus der Nahrung. Viele Nährstoffe spielen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung und Aufrechterhaltung des Immunsystems. Sowohl eine unzureichende als auch eine übermäßige Aufnahme bestimmter Nährstoffe kann dazu führen, dass das Immunsystem nur noch eingeschränkt auf Infektionen reagiert. Deshalb sollten wir uns vor allem ausgewogen ernähren. So können wir auch möglicherweise schädliche chronische Entzündungszustände vorbeugen und reduzieren. Dabei ist es nicht wichtig, nur bestimmte Lebensmittel aufzunehmen. Vielmehr sollte insgesamt eine gesunde Ernährungsweise eingehalten werden, die auf frischem Obst und Gemüse, fermentierten Lebensmitteln (z. B. Joghurt), Nüssen, Samen und Vollkorngetreide basiert.

Aktuelle Studien haben neue Erkenntnisse zur Mikrobiota und Darmgesundheit und ihrer Rolle für das Immungleichgewicht gebracht. Es wird vermutet, dass rund 70 Prozent unseres Immunsystems von unserem Darm aus reguliert wird. „Gute“ Darmbakterien können günstig beeinflusst werden, wenn wir viel ballaststoffreiche Lebensmittel wie Leinsamen oder Vollkornprodukte und präbiotische Lebensmittel wie Joghurt – reich an guten Darmbakterien wie Lactobacillus und Bifidobakterien – essen.

Auf der anderen Seite haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass eine übermäßige Zuckeraufnahme die Fähigkeit von Immunzellen verringert, Krankheitserreger zu zerstören und zugleich chronische Entzündungen fördern kann. Stark verarbeitete Lebensmittel sollten gemieden werden. Denn eine Ernährungsweise mit reichlich Fett, Zucker und Salz sowie vielen industriellen Inhaltsstoffen wie modifizierten Stärken und Farbzusätzen, wird mit einem höheren Grad an Entzündungen und einer gestörten Immunität in Verbindung gebracht.

Neben einer gesunden Ernährungsweise unterstützt natürlich auch körperliche Aktivität, Stressabbau und ausreichend Schlaf unsere Immunfunktion. Am DIfE haben wir verschiedene Studien durchgeführt, die alle darauf hinweisen, dass eine abwechslungsreiche Ernährung als Teil eines gesundheitsförderlichen Lebensstils altersbedingte Krankheiten verhindern kann1. Ein Hauptgrund für diesen positiven Effekt könnte die Aufrechterhaltung eines ausgeglichenen Immunzustands sein.

 

Gibt es Hinweise auf die vorteilhafte Wirkung von bestimmten Vitaminen, Mineralstoffen oder anderen Ernährungsfaktoren auf Entzündungsprozesse und das Immunsystem, die wir bei der aktuellen Pandemie berücksichtigen sollten?

Ein gut funktionierendes Immunsystem ist im Kampf gegen COVID-19 von entscheidender Bedeutung. Insbesondere, weil bisher kein Impfstoff oder antivirale Medikamente gegen dieses neue Virus existieren. Unsere Ernährung ist einer der Schlüssel, die jeder von uns besitzt, um eine ausgewogene Immungesundheit zu bewahren. Entsprechende Empfehlungen sollten jedoch nicht durch vages Halbwissen, sondern auf Grundlage einer vorsichtigen Interpretation der wissenschaftlichen Datenlage erfolgen.

Im Internet tauchen derzeit zahlreiche Mythen über wundersame Lebensmittel, Getränke und Nahrungsergänzungsmittel auf, die COVID-19 angeblich verhindern und heilen können. Dabei gibt es bis heute keine wissenschaftlich erprobten und zugelassenen Medikamente, Kräuterprodukte oder Vitaminpillen, die das Coronavirus abwehren oder es gar bekämpfen könnten. Viele dieser „Mittelchen“ können der Gesundheit sogar schaden. Außerdem verleiten sie dazu, dass man sich geschützt fühlt und nachlässig wird, wenn es um gute Hygienepraktiken und Abstandregelungen geht.

Es stimmt, dass zahlreiche Erkenntnisse aus Tier- und Humanstudien darauf hinweisen, dass eine Ernährung reich an antioxidativen Nährstoffen und spezifischen Mineralien besonders vorteilhaft für das Immunsystem ist. So wurde gezeigt, dass verschiedene Mikronährstoffe die Immungesundheit unterstützen, darunter die Vitamine A, D, C, E, B6, B12 und Folsäure sowie die Mineralstoffe Kupfer, Eisen, Zink und Selen. Davon haben Vitamin C, Vitamin D und Zink die bedeutendsten und überzeugendsten Eigenschaften, das Immunsystem im Gleichgewicht zu halten. Zudem sind sie für viele bekannte immunophysiologische Prozesse essentiell. In vielen Fällen – besonders für jüngere Menschen – ist die Einnahme von zusätzlichen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen jedoch überflüssig. Denn wer gesund ist, sich ausgewogen ernährt und regelmäßig Zeit an der frischen Luft verbringt, versorgt seinen Körper mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen.   

Alarmierend ist, dass in Europa ein Mangel an Vitamin D weit verbreitet ist, insbesondere bei älteren Menschen. Vitamin D wird hauptsächlich unter Einfluss des Tageslichts vom Körper selbst hergestellt, weshalb regelmäßige Aufenthalte im Freien so wichtig sind. Mit zunehmendem Alter tritt eine Abnahme der Immunfunktion auf, die als Immunosensitivität bekannt ist. Grund dafür ist eine Schwächung des erworbenen und des angeborenen Immunsystems. Deshalb haben ältere Menschen auch ein signifikant höheres Risiko für schwere Erkrankungen nach einer Coronavirus-Infektion. Die International Society for Immunonutrition empfiehlt älteren Menschen eine erhöhte Aufnahme von Zink, Vitamin E, C und D. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte aber immer nur nach Rücksprache mit einem Arzt erfolgen.

Generell eignet sich zur Unterstützung eines gesunden Immunsystems, wie zuvor beschrieben, eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist, kombiniert mit Bewegung im Freien. Forschungsergebnisse vom DIfE weisen zudem für ein vermindertes Entzündungsniveau und einen ausgeglichenen Immunzustand auf die Bedeutung einer pflanzlichen, bevorzugt mediterranen Ernährung mit Vollkornprodukten, Gemüse, Obst, Nüssen und Olivenöl hin2. Pflanzliche Lebensmittel enthalten neben wertvollen Mikronährstoffen auch andere wichtige Verbindungen wie Polyphenole, die ebenfalls mit niedrigeren Entzündungswerten assoziiert sind3. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt übrigens, als Basis für gesundheitsförderndes Essen und Trinken, eine vollwertige Ernährung mit überwiegend pflanzlichen Lebensmitteln4.

Es gibt bereits erste Studien, die untersuchen, ob und wie Mikronährstoffe das Risiko einer Sars-CoV-2-Infektion senken könnten. Die Forschung steht hier aber noch ganz am Anfang und die Daten sind mit äußerster Vorsicht zu interpretieren. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Ernährung allein dazu beitragen kann, vor den Auswirkungen einer Sars-CoV-2-Infektion zu schützen oder diese auszubremsen. Ernährung kann epidemiologische und hygienische Maßnahmen wie soziale Distanzierung und regelmäßiges Händewaschen nicht ersetzen. Trotzdem sollten wir Empfehlungen für eine gesunde Ernährung und einen gesunden Lebensstil ernst nehmen und umsetzen, damit unser Immunsystem vor, während und nach einer Infektion mit dem Coronavirus nicht aus dem Ruder gerät.


Wie wirkt sich das Alter auf unsere Immunabwehr aus?

Neugeborene haben ein unreifes Immunsystem und sind auf die mit der Muttermilch übertragene Immunität angewiesen. Mit der Zeit dringen immer mehr Bakterien und Viren in den Organismus ein und der Selbstschutz des Körpers reift. Im fortgeschrittenen Alter ist unser Immunsystem dann optimal auf die Bekämpfung bekannter Krankheitserreger vorbereitet. Doch die Fähigkeit, neuartige Krankheiterreger wie das Coronavirus (SARS-CoV-2) zu bekämpfen, nimmt erheblich ab. Erschwerend kommt dazu, dass sich im Alter eine chronische Entzündung entwickeln kann. Dieses ‚Inflammaging‘, auf Deutsch „Entzündungsaltern“, kann das Risiko für altersbedingte Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs erhöhen. Das Immunsystem umfasst ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Moleküle, Zellen, Gewebe und Organe, die bei Bedarf im richtigen Verhältnis aktiviert werden müssen, um den menschlichen Körper zu schützen. Sowohl eine unterdrückte als auch eine überaktivierte Immunantwort kann gesundheitsschädlich sein. Deshalb ist es so wichtig, das Immunsystem immer im Gleichgewicht zu halten. Schlüsselfaktoren dafür sind, wie bereits erwähnt, eine gesunde Ernährungsweise zusammen mit anderen förderlichen Lebensstilfaktoren wie ausreichend Schlaf, Bewegung und Stressabbau.

Insgesamt sind die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Immunität und Altern sehr komplex und noch unzureichend erforscht. Am DIfE arbeiten wir aktiv daran, tiefere Einblicke in dieses wichtige Forschungsfeld zu bekommen. Wir möchten verstehen, wie unsere Ernährung die angeborene und erworbene Immunität beeinflusst, insbesondere im fortgeschrittenen Alter. Unsere Forschungsergebnisse sollen die Grundlage für neue Ernährungsstrategien bilden, mit denen das Risiko und die Schwere von Krankheiten gesenkt werden können.

Aleksandrova, K et al, BMC Medicine, 2014 und Ford, E et al, JAMA Internal Medicine, 2009
2 Eichelmann, F et al, Obesity Reviews, 2016
3 Harms, L et al, British Journal of Nutrition, 2020
10 Regeln der DGE

Inflammaging

Der Begriff Inflammaging, auf Deutsch „Entzündungsaltern“, bezeichnet die im fortgeschrittenen Alter dauerhaft erhöhte Freisetzung von Zytokinen. Immunzellen setzten Zytokine als Teil der Immunantwort frei. In der Regel werden diese entzündungsfördernden Botenstoffe nur als Reaktion auf einen Stimulus gebildet und dann wieder abgebaut. Während chronisch-entzündlicher Erkrankungen kann es aber auch zu dauerhaft erhöhten Zytokin-Spiegeln kommen. Die durch das Inflammaging bedingten chronischen Entzündungen stehen im Verdacht, den Alterungsprozess und damit einhergehende Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu begünstigen.