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Stand: 24.03.2017 14:57:43

Konsum von rotem Fleisch und Typ-2-Diabetes: Gibt es einen kausalen Zusammenhang?

Stellungnahme des wissenschaftlichen Vorstandes Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost (Oktober 2013)

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Obwohl zahlreiche prospektive Beobachtungsstudien belegen, dass ein hoher Konsum von rotem Fleisch* mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes assoziiert ist1, 2, 3, ist die Kausalität dieses Zusammenhangs schwer zu beweisen. Eine kürzlich publizierte amerikanische Studie4 liefert jedoch neue Ergebnisse, die eine kausale Beziehung untermauern. Besonders an der Studie ist, dass sie einer Interventionsstudie** sehr nahe kommt5.

Hintergrund

Viele prospektive Beobachtungsstudien haben einen Zusammenhang zwischen einem hohen Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch und einem erhöhten Typ-2-Diabetes-Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Darmkrebs beobachtet1, 2, 3 6. Diese Studien können aber nicht die Kausalität der Beziehung beweisen, da die Assoziation auf einen so genannten Confounding-Effekt*** zurückzuführen sein könnte: Einem anderen „ungesunden“ Faktor, der sowohl den Verzehr von rotem Fleisch als auch unabhängig davon das Krankheits-Risiko erhöht. Für diese Argumentation spricht, dass der Verzehr von rotem Fleisch auch mit anderen Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes verbunden ist, wie z. B. dem Rauchverhalten, dem männlichen Geschlecht und/oder einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI). Die kürzlich von Pan et al. publizierte Studie4 liefert nun neue Ergebnisse, die eine kausale Beziehung wahrscheinlicher machen.

Studienergebnisse

Die Studie von Pan et al. analysierte die Effekte von freiwillig veränderten Verzehrgewohnheiten an etwa 149.000 weiblichen und männlichen US-Amerikanern mit einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 12-16 Jahren. Wie der Autor schreibt, ist die freiwillige Ernährungsumstellung ein „natürliches Experiment“ und kommt einer Interventionsstudie sehr nahe. Studienteilnehmer, die ihren Konsum von rotem Fleisch erhöht hatten, hatten im Vergleich zur Kontrollgruppe ein 1,48-fach erhöhtes Risiko, in den vier Jahren der Ernährungsumstellung an einem Diabetes zu erkranken. Bei Studienteilnehmern, die ihren Fleischverzehr um mehr als eine halbe Portion pro Tag verringert hatten, verminderte sich das Risiko nur um 14 Prozent. Zudem war der Effekt nur signifikant, wenn das Risiko auf die gesamte durchschnittliche Nachbeobachtungszeit von 12-16 Jahren berechnet wurde. Der günstige Effekt eines verminderten Fleischkonsums auf das Typ-2-Diabetes-Risiko war also geringer ausgeprägt als der nachteilige Effekt der Konsumerhöhung. Teilnehmer, die ihren Fleischkonsum von einer geringen auf eine große Menge erhöhten, hatten auch das größte Typ-2-Diabetes-Risiko, was für eine Dosisabhängigkeit des Effekts spricht. Somit ist es mit dieser Studie erstmals gelungen, die Effekte eines veränderten Fleischkonsums zu untersuchen und nicht nur die Auswirkungen des Fleischkonsums an sich.

Einschränkungen

Obwohl das Studiendesign der Studie von Pan et al. dem Design der konventionellen Querschnittsstudien überlegen ist, ist auch hier ein Confounding-Effekt nicht auszuschließen. Die Auswirkungen eines erhöhten bzw. verminderten Fleischkonsums unterschieden sich deutlich, sowohl hinsichtlich der Effektstärke als auch der Zeit, die verstreichen musste, um einen Effekt nachzuweisen. Teilnehmer, die freiwillig ihren Fleischkonsum verringerten, haben wahrscheinlich ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein als die Teilnehmer, die ihren Fleischverzehr erhöhten. Es kann deshalb nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass dieses unterschiedliche Gesundheitsbewusstsein und nicht der Unterschied im Fleischverzehr zu den beobachteten Effekten führte.

Wie könnten weitere Beweise für die kausale Rolle des Fleischverzehrs gefunden werden?

Eine Option wären Kurzzeit-Interventionsstudien, die den Effekt des Verzehrs von rotem Fleisch auf einen sog. intermediären Marker untersuchen. Biomarker wie der Ferritin-Spiegel im Blut, der das Risiko für einen Typ-2-Diabetes vorhersagt7, 8, wären hierfür besonders gut geeignet. Zudem könnte die Aufklärung der zu Grunde liegenden molekularen Mechanismen eine biologische Plausibilität für den kausalen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und dem Typ-2-Diabetes-Risiko liefern. Mechanismen, die hierbei eine Rolle spielen könnten, sind bereits bekannt: Die Überladung des Körpers mit Eisen (Hämochromatose) hat Typ-2-Diabetes zur Folge. Im Tiermodell schützt die Reduktion der Eisenzufuhr vor Typ-2-Diabetes9. Darüber hinaus katalysiert das Häm im roten Fleisch die Reduktion von Nitrat; die dabei gebildeten Nitrosamine10 stehen im Verdacht, die insulinproduzierenden Zellen (Betazellen) der Bauchspeicheldrüse zu schädigen.

Schlussfolgerung und Empfehlung

Pan et al. schließen, dass ihre Daten die Kausalität des Zusammenhangs nicht zweifelsfrei belegen, aber einen weiteren starken Hinweis darauf geben, dass ein verminderter Konsum von rotem Fleisch langfristig dazu beiträgt, Typ-2-Diabetes zu verhindern. Zudem sind die in den verschiedenen Studien beobachteten Effekte erheblich und reproduzierbar. Damit ist die Ernährungsempfehlung, den Verzehr von rotem Fleisch einzuschränken, gut begründet, trotz der oben gemachten Einschränkungen.

 

*rotes Fleisch: Schweine-, Rind-, Kalb- und Lammfleisch

**Interventionsstudie: Bei dieser Art Studie werden dieselben Teilnehmer vor und nach einer Intervention (Behandlung) untersucht, beispielsweise vor einer bestimmten Diät und hinterher.

 ***Hierzu ein Beispiel: Wenn ein positiver Zusammenhang zwischen einem erhöhten Eiscreme-Verzehr (Variable 1) und einer gestiegenen Anzahl Ertrunkener (Variable 2) beobachtet wird, so heißt dies nicht unbedingt, dass der Verzehr von Eiscreme das Risiko für Ertrinken erhöht. Die beobachtete Beziehung hängt vermutlich eher mit einer 3. Variablen (Confounder), dem schönen Wetter zusammen, das sowohl den Eiskonsum als auch das Badeverhalten beeinflusst.

 

Literatur:

  1. Pan, A. et al. Red meat consumption and risk of type 2 diabetes: 3 cohorts of US adults and an updated meta-analysis. Am. J. Clin. Nutr. 94, 1088-1096 (2011).
  2. InterAct Consortium: Association between dietary meat consumption and incident type 2 diabetes: the EPIC-InterAct study. Diabetologia 56, 47-59 (2013).
  3. Micha, R., Wallace, S.K., Mozaffarian, D. Red and processed meat consumption and risk of incident coronary heart disease, stroke, and diabetes mellitus: a systematic review and meta-analysis. Circulation 121, 2271-2283 (2010).
  4. Pan, A. et al. Changes in red meat consumption and subsequent risk of type 2 diabetes mellitus: Three cohorts of US men and women. JAMA Intern. Med. Jun 17, 1-8 (2013).
  5. Joost, H.G. Nutrition: Red meat and T2DM-the difficult path to a proof of causality. Nat Rev Endocrinol. 9, 509-511 (2013).
  6. Rohrmann, S. et al. Meat consumption and mortality--results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition. BMC Med. 11, 63 (2013).
  7. Montonen, J. et al. Consumption of red meat and whole-grain bread in relation to biomarkers of obesity, inflammation, glucose metabolism and oxidative stress. Eur. J. Nutr. 52, 337-345 (2013).
  8. Montonen, J. et al. Body iron stores and risk of type 2 diabetes: results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC)-Potsdam study. Diabetologia 55, 2613-2621 (2012).
  9. Simcox, J.A., McClain, D.A. Iron and diabetes risk. Cell Metab. 17, 329-341 (2013).
  10. Lunn, J.C. The effect of haem in red and processed meat on the endogenous formation of N-nitroso compounds in the upper gastrointestinal tract. Carcinogenesis 28, 685-690 (2007).

 

Kontakt:

Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost
Wissenschaftlicher Direktor des
Deutschen Instituts für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Abteilung Pharmakologie
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal 

Tel: 033200 88-2416
E-Mail: joost@dife.de

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