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Genotyp-basierte Ernährungsempfehlungen: Noch im experimentellen
Stadium
Stellungnahme des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Kommerziell angebotene Genanalysen haben derzeit eine noch
zu geringe prädiktive Aussagekraft, um als Grundlage von individualisierten
Ernährungsempfehlungen herangezogen zu werden.
Ernährungsempfehlungen differenzieren bislang nur nach Alter (Beispiel:
Kinder), besonderem physiologischen Status (Schwangere, Sportler) oder
prävalenten chronischen Erkrankungen (Allergien, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen).
Individuelle Unterschiede zur Prävention ernährungsassoziierter
Erkrankungen werden nur selten berücksichtigt. Die Forschung strebt
deshalb an, Ernährungsempfehlungen zu „personalisieren“
– sie dem individuellen Krankheitsrisiko und dem erwarteten Präventionserfolg
anzupassen.
Dieses Ziel wird zum Beispiel durch genetische Differenzierung verfolgt,
der sich die „Nutrigenomik“ als Spezialgebiet der Ernährungsforschung
widmet. Bereits jetzt wird eine Ernährungsberatung kommerziell
angeboten, die auf der Genotypisierung von circa 20 Genvarianten basiert.
Im Folgenden wird daher das Konzept der Genotyp-basierten, individualisierten
Ernährung bewertet und seine zukünftige Perspektive diskutiert.
Genotyp-abhängige Effekte von Nährstoffen:
Viele chronische Erkrankungen haben eine genetische Basis, deren Kenntnis
eine genauere Bestimmung von Erkrankungsrisiko und Präventionserfolg
ermöglichen würde. Krankheitsfördernde und -vorbeugende
Effekte von Nahrungsbestandteilen können ebenfalls eine genetische
Basis haben. Es liegt also sehr nahe, die Möglichkeiten der Gendiagnostik
zu nutzen, um Ernährungsempfehlungen an ein individuelles Krankheitsrisiko
anzupassen.
Effekte von Nährstoffen können vom Vorliegen einer einzigen
Genvariante abhängen (monogenetischer Erbgang). So beruht Laktoseintoleranz
auf Allelvarianten des Laktasegens, die zum Verlust der Genexpression
des Milchzucker-spaltenden Enzyms Laktase im Erwachsenenalter führen
(1). Phenylketonurie entsteht durch eine „loss-of-function“-Mutation
im Phe-nylalanin-4-monooxygenase-Gen; nur das sofortige, strenge Einhalten
einer phenylalaninreduzierten Diät kann die Bildung toxischer Ketonkörper
und damit das Auftreten neuronaler Schäden verhindern (2).
Polymorphismen im Gen der Methylen-tetra-hydro-folat-Reduktase sind
in einigen Fällen mit einer Hyperhomozysteinämie assoziiert,
die einen
Risikofaktor für arterielle und venöse Thromboembolien darstellt.
Es hat sich gezeigt, dass eine tägliche Supplementierung von Folsäure,
Vitamin B6 und B12 in den meisten Fällen ausreicht, um die erhöhten
Homocysteinspiegel zu normalisieren (3).
Die genetischen Grundlagen von komplexen – so genannten polygenetischen
– Erkrankungen sind bislang nur im Ansatz bekannt. Zwar sind zahlreiche
Gen-Polymorphismen (single nucleotide polymorphisms, SNPs) identifiziert
worden, die mit dem jeweiligen Erkrankungsrisiko assoziiert sind. Diese
können jedoch das genetische Krankheitsrisiko bislang nur zu einem
geringen Teil erklären. Dennoch gibt es Beispiele für eine
spezifische Interaktion von Genvarianten mit Ernährungsparametern
auch für Erkrankungen mit polygenetischer Ursache: Das individuelle
Krebsrisiko der Konsumenten von durchgebratenem Fleisch sowie von Gemüsesorten
aus der Familie der Kreuzblütler war mit ihrem Genotyp für
Varianten Fremdstoff-metabolisierender Enzyme assoziiert (4, 5).
Diese Enzyme metabolisieren Xenobiotika (Fremdstoffe, niedermolekulare
nicht-nutritive Substanzen) und können mutagene Substanzen inaktivieren
oder erzeugen. In anderen Studien konnte bei Frauen mit geringem Obst-
und Gemüseverzehr eine Assoziation zwischen einer Variante des
Enzyms Superoxiddismutase und einem erhöhten Brustkrebsrisiko nachgewiesen
werden (6). Die Nahrungspräferenz für eine fettreiche Ernährung
(7) und die Effekte einer solchen (8) sind bei Mäusen stammspezifisch,
das heißt genetisch bedingt. In adipösen Mausstämmen
ist zudem gezeigt worden, dass auch die Diabetes-verursachende Wirkung
der fettreichen Ernährung genetisch bedingt ist (9).
Präzision der Vorhersagen: Die genetische Information
muss einen erheblichen Beitrag zur Bestimmung des Erkrankungsrisikos
leisten, wenn aus ihr sinnvolle Empfehlungen abgeleitet werden sollen.
Zudem sollten stichhaltige Beweise dafür vorliegen, dass die Modifikation
der Ernährung das Krankheitsrisiko Genotyp-abhängig senken
kann. Diese Voraussetzungen sind zurzeit noch nicht erfüllt. Der
Beitrag der bislang identifizierten SNPs zum gesamten Krankheitsrisiko
ist gering und zudem viel kleiner als der konventioneller Risikofaktoren.
Die kommerziellen Angebote sind wenig informativ
So erhöht zum Beispiel der diabetogene Haplotyp des Calpain-10-Gens
das Erkrankungsrisiko nur um das 1,2fache (10). Das Auftreten von Diabetes
bei nahen Familienangehörigen erhöht das Risiko dagegen um
den Faktor 4; Übergewicht bewirkt (alterskorrigiert) einen weiteren
vier- bis 30fachen Anstieg (11, 12). Ebenso wie das Diabetesrisiko lässt
sich auch das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse (zum Beispiel
Herzinfarkt) viel besser durch die Familienanamnese und phänotypische,
klassische Risikofaktoren vorhersagen als durch eine Analyse der bekannten,
mit den Erkrankungen assoziierten Genotypen (13).
Die zurzeit bekannten, ernährungsrelevanten Genvarianten haben
eine noch zu geringe Aussagekraft; ihre Analyse ist deshalb als experimentell
anzusehen und als Grundlage für Ernährungsempfehlungen wenig
geeignet. Die entsprechenden kommerziellen Angebote sind viel teurer
und weniger informativ als ein Besuch beim Hausarzt. Die prädiktive
Aussagekraft der Genanalyse muss also verbessert werden, bevor sie Grundlage
von Ernährungsempfehlungen werden kann.
Hierzu muss die nutrigenomische Forschung einen größeren
Anteil des genetischen Beitrags zum Krankheitsrisiko aufklären.
Dies kann durch Identifikation von Genvarianten geschehen, deren Beitrag
zum Krankheitsrisiko groß ist, aber auch durch Identifikation
vieler SNPs mit kleinem Beitrag. Letzteres wird schwieriger sein, da
zur Sicherung kleiner Effekte von möglicherweise seltenen Genotypen
große Probandenkollektive erforderlich sind, ist aber nicht unmöglich.
Nutzen: Gegenüber den herkömmlichen, allgemeinen
Ernährungsempfehlungen würde das Konzept einer vom Genotyp
abgeleiteten, personalisierten Ernährung drei klare Vorteile bieten:
- Erstens würde die Genotypisierung eine sehr frühe Bestimmung
des Krankheitsrisikos erlauben, sodass präventive Maßnahmen
sehr viel eher als nach der konventionellen Risikobestimmung eingeleitet
werden könnten. Dieses spielt besonders bei Erkrankungen wie
dem Typ-2-Diabetes eine große Rolle, da dort vaskuläre
Sekundärkomplikationen auftreten, die eine lange Latenzzeit besitzen
und irreversibel sind.
- Zweitens sind Risikopatienten, die sich entschlossen haben, genetische
Informationen einzuholen, sehr viel stärker motiviert, ein personalisiertes
Ernährungsprogramm zu befolgen, als Patienten, denen nur eine
generelle Ernährungsempfehlung gegeben wurde.
- Drittens könnten die Ressourcen des Gesundheitssystems bei
einer gezielten Intervention auf diejenigen Personen konzentriert
werden, die die Intervention benötigen und bei denen der größte
Nutzen zu erwarten ist.
Risiken: Zwar liefert die genetische Analyse eindeutige
Daten zu den jeweiligen Genotypen, die funktionellen Konsequenzen dieser
Information sind jedoch nicht immer eindeutig. Das Hauptrisiko genetischer
Tests besteht deshalb darin, dass von ihnen abgeleitete Empfehlungen
oder Entscheidungen auf unzureichenden Daten beruhen und falsch sind.
Dazu ein einfaches, hypothetisches Beispiel:
Sollte man den Trägern eines Genotyps, der bei erhöhtem Alkoholkonsum
mit einem verringerten Herzinfarktrisiko assoziiert ist, raten, ihren
Alkoholkonsum zu steigern? Sicher nicht, da eine solche Empfehlung das
Risiko für Lebererkrankungen, Krebs und Alkoholismus erhöhen
würde. In diesem Beispiel sind die Risiken der Empfehlung gut bekannt;
es ist aber vorstellbar, dass eine spezifische Empfehlung – oder
die Reaktion der Patienten auf die Empfehlung – noch unbekannte
Risiken erhöht.
Gesellschaftliche Akzeptanz: Die Entwicklung der letzten
Jahre hat gezeigt, dass die Gesellschaft Produkte und Verfahren, die
aus dem Bereich der Gentechnik oder Genforschung stammen, sehr kritisch
bewertet. Ein Teil der Gesellschaft – einschließlich eines
Teils der Medien – wird deshalb die Einführung von Genanalysen
im Bereich der Präventivmedizin ablehnen. Die Akzeptanz des Konzepts
kann jedoch dann herbeigeführt werden, wenn es überzeugende
Vorteile bietet: Es muss zuverlässig bewiesen sein, dass die Genanalyse
bei chronischen Krankheiten zu einer spezifischen, frühen und wirksamen
Intervention führen kann und dass es hierzu keine gleichwertige
Alternative gibt.
Nutzen und Risiken des Konzepts können aber nur durch intensive,
unbehinderte Forschung – die eine Genanalyse von großen
Probandenkollektiven einschließt – vollständig erfasst
werden. Es ist zu hoffen, dass die Gesellschaft diese Forschung mehrheitlich
akzeptiert und mitträgt und dass der Gesetzgeber die Forschung
nicht mit einem zu restriktiven Gendiagnostikgesetz behindert. Die Anwendung
von Ergebnissen der Genomforschung in der Gesundheitsvorsorge erfordert
deren gesellschaftliche Akzeptanz; hierzu sollte eine offene, ideologiefreie
Diskussion geführt werden (14).
Prof. Dr. Dr. H.-G. Joost
Wissenschaftlicher Direktor
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal
Copyright: Deutsches Ärzteblatt 102, Ausgabe
39 vom 30.09.2005, Seite A-2608
MEDIZINREPORT
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