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03.07.09
Springendes Gen schwächt die Wirkung eines neuen Risikogens für
Typ-2-Diabetes
Potsdam-Rehbrücke – Bei der Suche nach Risikogenen für
Typ-2-Diabetes (Alterszucker) entdeckte ein Wissenschaftlerteam um Hans-Georg
Joost und Stephan Scherneck vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung
(DIfE) nicht nur ein neues Diabetesgen, sondern auch einen neuen Mechanismus,
der dicke Mäuse für Diabetes weniger anfällig macht.
Ein Erbgutfragment, ein so genanntes springendes Gen oder Transposon,
das bei einigen Mausstämmen natürlicherweise vorkommt, vermindert
die Aktivität des Risikogens Zfp69. Wie die Forscher zeigen, ist
auch das entsprechende menschliche Gen (ZNF642) bei übergewichtigen
Personen mit Diabetes verstärkt aktiv.
Die Forschergruppe, zu der auch Wissenschaftler der Universität
Leipzig und des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg gehören,
publizierte ihre Ergebnisse am 3. Juli in dem Open Access Journal PLoS
Genetics.
Neben Ernährung und Lebensstil beeinflusst das Erbgut (Genom)
zu etwa 50 Prozent das Risiko für Typ-2-Diabetes. Da sich das Erbgut
von Mensch und Maus sehr ähnelt, nutzt das Team um Joost Mausmodelle,
um noch unbekannte Krankheitsgene zu identifizieren. Die Wissenschaftler
wollen anhand der Genfunktionen einen tieferen Einblick in die Entstehungsmechanismen
der Erkrankung bekommen, um beispielsweise neue Strategien für
Medikamententherapien zu entwickeln.
In der vorliegenden Studie verglichen die Forscher das Genom verschiedener
Mausstämme. Einige Stämme wiesen trotz Übergewichts keine
stark erhöhten Blutzuckerspiegel auf und waren weniger anfällig
für Diabetes. Dagegen entgleisten bei Tieren anderer Stämme
mit steigendem Körpergewicht der Fett- und der Zuckerstoffwechsel,
so dass die Nager rasch an Alterszucker erkrankten.
Nach den neuen Studiendaten ist dieser Unterschied auf ein kleines,
zusätzliches Stück Erbinformation zurückzuführen.
Es ist in einem nicht-kodierenden* Bereich des neu entdeckten Diabetesgens
Zfp69 lokalisiert und schwächt dessen Wirkung. Ohne das Erbgutfragment
ist das Risikogen voll aktiv und begünstigt in Zusammenhang mit
Übergewicht hohe Blutzuckerspiegel und ein Entgleisen des Fettstoffwechsels.
Das Gen ist auch im Fettgewebe übergewichtiger Personen mit Diabetes
aktiv - und dies stärker als bei Gesunden. Es könne daher
nicht nur bei dicken Mäusen, sondern auch bei übergewichtigen
Menschen Alterszucker begünstigen, so die Forscher. „Unsere
Daten weisen darauf hin, dass das vom Risikogen abgeleitete Eiweißmolekül
bei Übergewichtigen die Fettspeicherung in den Fettzellen behindert.
Als Folge lagert sich in der Leber vermehrt Fett ein, was wiederum einen
Diabetes begünstigt“, erklärt Stephan Scherneck, Erstautor
der Studie.
„Wir haben damit ein neues, für Maus und Mensch gleichermaßen
bedeutsames Diabetesgen gefunden“, sagt Hans-Georg Joost, Studienleiter
und wissenschaftlicher Direktor des DIfE. „Darüber hinaus
haben wir einen regulatorischen Mechanismus entdeckt, der bislang im
Zusammenhang mit Diabetes noch nicht beschrieben wurde“.
Bei dem Erbgutfragment handele es sich um ein so genanntes „springendes
Gen“ oder „Transposon“ viralen Ursprungs. Die Beobachtung,
dass „Transposons“ im Erbgut höherer Organismen einschließlich
dem des Menschen auftreten und das Erscheinungsbild eines Organismus
verändern können, sei nicht neu. Neu und interessant sei,
dass ein Transposon vor Alterszucker schützen kann und damit zur
Erblichkeit der (verminderten) Diabetesanfälligkeit beiträgt.
Die neuen Daten zeigten, wie wichtig es sei, nicht nur die Gene selbst,
sondern auch die Transposons in der Nähe der Gene genauer zu untersuchen,
die man bislang nicht mit der Erblichkeit von Diabetes und Adipositas
in Verbindung gebracht hat, so Joost weiter. „Das von uns untersuchte
Transposon ist ungewöhnlich aktiv und hat das Zfp69-Gen fast völlig
ausgeschaltet. Wir haben Hinweise dafür, dass es auch in anderen
Genen der Maus wirksam ist. Da das menschliche Genom voll von ähnlichen
Erbgutfragmenten ist, könnten diese dort eine größere
Rolle spielen als bislang angenommen.“
Hintergrundinformation:
*Nicht-kodierende und kodierende Bereiche des Erbguts: Die kodierenden
Bereiche des Erbguts sind die Gene; sie enthalten den Bauplan für
Eiweißmoleküle. Die nicht-kodierenden Bereiche sind die Bereiche
um die Gene herum. Lange Zeit nahm man an, dass diese funktionslos sind.
Heute mehren sich die Hinweise, dass diese Bereiche durchaus eine Funktion
besitzen können, indem sie beispielsweise die Genaktivität
regulieren. Auf diese Weise können sie das Erscheinungsbild (Phänotyp)
eines Organismus mitbestimmen und damit auch die Anfälligkeit für
Erkrankungen beeinflussen.
Der Ursprung und die biologische Funktion von Transposons sind noch
nicht vollständig geklärt. Es handelt sich vermutlich um von
Retroviren abgeleitete Erbgutfragmente, die sich in das Wirtsgenom integriert
haben und nunmehr vererbt werden. Rund 45 Prozent des menschlichen Genoms
bestehen aus transposablen Elementen, die jedoch nur zu einem sehr geringen
Anteil zum Springen fähig sind. (Quelle: Wikipedia)
Weltweit sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation rund 1,6
Milliarden Menschen übergewichtig. Dementsprechend hat auch die
Zahl der Menschen mit Alterszucker rapide zugenommen, und ist auf 230
Millionen angestiegen. Beide ernährungsbedingten Erkrankungen verursachen
nicht nur viel persönliches Leid, sondern belasten auch die Gesellschaft
durch hohe Kosten für das Gesundheitswesen.
Der wissenschaftliche Artikel ist kostenfrei abrufbar unter:
http://www.plosgenetics.org/article/info:doi/10.1371/journal.pgen.1000541
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