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20.09.07
Dick oder dünn - das Gehirn entscheidet mit
Regelkreis im Gehirn kontrolliert den Fettstoffwechsel direkt und unabhängig
von der Nahrungsaufnahme
Potsdam-Rehbrücke - Das Gehirn kontrolliert die Fettspeicherung
nicht nur über die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung, sondern
auch direkt und unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Dies ist das
Ergebnis einer neuen internationalen Studie, an der Wissenschaftler
des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke
(DIfE) federführend beteiligt sind. Wie die Forscher erstmals auf
molekularer Ebene an Nagern nachwiesen, reguliert das Melanocortin-System,
ein neuroendokriner Regelkreis im Gehirn, wie viel Zucker in Fett umgewandelt,
in Fettzellen gespeichert oder im Muskel verbrannt wird. Das System
tut dies direkt, schnell und unbeeinflusst von der Nahrungsaufnahme.
Nach Aussage von Matthias Tschöp, Leiter der Studie, könnte
eine genaue Kenntnis der molekularen Zusammenhänge neue Pharmakotherapien
zur Behandlung von krankhaftem Übergewicht ermöglichen. Die
Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse nun in der aktuellen
Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Clinical Investigation
(Nogueiras and Wiedmer et al.,2007).
In Staaten mit „westlichem“ Lebensstil nimmt die Zahl übergewichtiger
Menschen rapide zu. Hierdurch steigt auch die Zahl der Menschen, die
an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmten Krebsformen
leiden. Bislang gibt es jedoch noch keine sicheren Medikamente, die
Übergewicht dauerhaft verhindern und so den damit verbundenen Erkrankungen
wirksam vorbeugen. „Das Melanocortin-System ist ein naheliegender
Angriffspunkt für Pharmakotherapien“, erklärt Hans-Georg
Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE. Seit langem wisse man,
dass das Gehirn als übergeordnetes Organ das Energiegleichgewicht
des Körpers kontrolliert, also die Balance zwischen Kalorienaufnahme
und Kalorienverbrauch bestimmt. Bislang sei aber nicht bekannt gewesen,
dass es auch darüber entscheidet, ob Fett oder Zucker zur Energiegewinnung
genutzt wird.
Wie die vorliegende Studie nun erstmals auf molekularer Ebene zeigt,
reguliert das Melanocortin-System das Gleichgewicht zwischen der zellulären
Zuckeraufnahme, der Fettsynthese, der Fettspeicherung und dem Fettabbau
in der Leber, im Muskel und im Fettgewebe. Eine erhöhte Aktivität
des Systems stimulierte bei Versuchstieren die Fettverbrennung. Dagegen
führte eine auf pharmakologischem oder genetischem Weg erzeugte
verringerte Aktivität zu einer verstärkten Fettspeicherung.
Dabei war die Zunahme der Fettmasse unabhängig von der Nahrungsaufnahme
und ließ sich auf folgende Stoffwechseländerungen zurückführen:
1. eine verstärkte Fettsynthese in der Leber,
2. einen verminderten Energieverbrauch in den Muskeln (es wurde weniger
Zucker/Glucose aufgenommen),
3. eine erhöhte Insulinsensitivität des weißen Fettgewebes,
4. eine erhöhte Fett- und Zuckeraufnahme ins weiße Fettgewebe,
wodurch die Fettsynthese in diesem Gewebe stimuliert wurde
Zusätzlich untersuchte Tschöps Team den Energiestoffwechsel
von Menschen, die aufgrund einer genetisch bedingten Störung des
Melanocortin-Systems an massivem Übergewicht leiden. Das Ergebnis
dieser Untersuchung lässt annehmen, dass die Gewichtszunahme der
Betroffenen auf den gleichen oder ähnlichen Mechanismen beruht,
die die Forscher bereits bei den Nagern beobachteten.
„Unsere Resultate erklären damit nicht nur, warum eine verminderte
Melanocortin-System-Aktivität sogar ohne eine erhöhte Nahrungsaufnahme
zu Übergewicht führen kann, sondern sie zeigen auch neue Ansatzpunkte
für die Entwicklung wirksamerer Medikamente zur Kontrolle von Übergewicht
auf. Diese werden dringend benötigt, um dem weltweit zunehmenden
Problem Übergewicht Herr zu werden“, so Tschöp.
Hintergrundinformation:
Spezielle Nervensysteme in Regionen des Hirnstamms und im Hypothalamus*
überprüfen beständig den Energiezustand des Körpers.
Gleichzeitig senden sie in Abhängigkeit von den gemessenen Werten
Signale aus, um Schwankungen in der Nährstoffversorgung auszugleichen.
Diese Signale können zu Verhaltens- und/oder Stoffwechseländerungen
führen.
Das Melanocortin-System ist eines der wichtigsten Nervensysteme
im Gehirn, das die Nahrungsaufnahme und den Energiestoffwechsel kontrolliert.
Melanocortin-Nervenzellen produzieren ein Protein, das Bindungspartner
(Ligand) des Melanocortin-Rezeptors ist. Bei Menschen führen loss-of-function
Mutationen im Gen des Melanocortin-4-Rezeptors (MC4R), bereits in jungen
Jahren zu massivem Übergewicht, einer erhöhten Magermasse
(Körpermasse minus Körperfett), Hyperphagie (Übermäßige
Nahrungsaufnahme) und einer Hyperinsulinämie (Insulinkonzentration
im Blut ist über das normale Maß hinaus erhöht).
Die Melanocortin-Nervenzellen selbst erhalten direkte Informationen
vom afferenten Vagus Nerv, der Signale von den inneren Organen ans Gehirn
sendet. Zudem empfangen sie endokrine** Signale (Leptin, Insulin, Cholecystokinin
und Ghrelin), die über die verfügbare Energiemenge im Körper
informieren.
*Der Hypothalamus ist eine kleine Hirnregion die im Zwischenhirn lokalisiert
ist. Sie ist vermutlich das wichtigste Steuerzentrum des vegetativen
Systems.
**endokrin: nach innen, ins Blut absondernd, Gegensatz: exokrin
Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums
für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sind
in Deutschland mittlerweile ca. 37 Millionen Erwachsene und rund 2 Millionen
Kinder und Jugendliche übergewichtig oder adipös. Ein Viertel
der Erwachsenen leidet an Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschließlich
Bluthochdruck.
Bei knapp 5 Millionen Menschen in Deutschland ist derzeit ein Typ-2-Diabetes
bekannt. Daneben ist mit einer Dunkelziffer in Millionenhöhe zu
rechnen, da die Krankheit zu Beginn häufig ohne Anzeichen verläuft
und erst mit jahrelanger Verzögerung erkannt wird. Der Typ-2-Diabetes
führt häufig zu schwerwiegenden Komplikationen, wie Erblinden,
Nierenversagen und Amputation von Gliedmaßen. Zudem sterben Diabetiker
früher, vor allem an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke
(DIfE) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zur Leibniz-Gemeinschaft
gehören 83 außeruniversitäre Forschungsinstitute und
forschungsnahe Serviceeinrichtungen. Diese beschäftigen etwa 13.700
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Stand 12/2006). Davon sind ca. 5.400
Wissenschaftler (inkl. 2.000 Nachwuchswissenschaftler). Leibniz-Institute
arbeiten interdisziplinär und verbinden Grundlagenforschung mit
Anwendungsnähe. Sie sind von überregionaler Bedeutung und
werden von Bund und Ländern gemeinsam gefördert. Der Gesamtetat
der Institute liegt bei mehr als 1,1 Mrd. Euro pro Jahr. Die Drittmittel
betragen etwa 225 Mio. Euro pro Jahr. Näheres unter www.leibniz-gemeinschaft.de.
Kontakt:
Prof. Dr. Matthias H. Tschöp
Obesity Research Center
Department of Psychiatry
University of Cincinnati
Genome Research Institute
2170 East Galbraith Road
Cincinnati, Ohio 45237, USA
Phone: (513) 558 8648
E-mail: tschoemh@ucmail.uc.edu
Prof. Dr. Annette Schürmann
(Koautorin der Studie)
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Abteilung Pharmakologie
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
D-14558 Nuthetal
Tel.: ++49 (0)33200 88 368
E-Mail: schuermann@dife.de
Dr. Gisela Olias
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke
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